Wie das Licht ins Elsetal kam

Die sinnvolle Ausnutzung natürlicher Ressourcen

von Ernst-Heinrich Schürmann

Die traditionsreiche Geschichte der Wassermühlen zeigt, dass das vertikal laufende Wasserrad über Jahrhunderte hinweg die dominierende Antriebsform für Wasserkraftanlagen darstellte. Man nutzte ohne Umweltbelastung die regenerierbaren Kräfte der Natur.


Brausemühle

Die dabei eingesetzten Wasserräder unterschied man je nach Aufschlaghöhe in unter-, mittel- oder oberschlächtige Räder.

Das unterschlächtige Rad lief nur in Fließgeschwindigkeit des Gewässers. Das oberschlächtige Rad nutzte zusätzlich das Gewicht des Wassers und erreichte so einen deutlich höheren Wirkungsgrad; der Wasserstrom wurde über eine Fließrinne reguliert und den Schaufeln zugeführt.

In früherer Zeit bestanden die Wasserräder aus Hartholz, später steigerten speziell gekrümmte Eisenschaufeln, den Wirkungsgrad, da sie größere Wassermengen fassen konnten.

Der Wellbaum, auf dem das Wasserrad aufgekeilt war, übertrug die Kräfte in das Innere der Mühle und leitete sie über unterschiedlich geformte Zahnräder an die einzelnen Maschinen und Hammerwerke.

Eine Weiterentwicklung dieser Technik stellten Wasserturbinen dar, die im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts die wuchtigen Räder ablösten. Ihrer Funktion beruhte auf dem Prinzip des horizontalen Wasserrads mit freiem Wasserstrahl, wobei ein Gefälle von ein bis sechs Metern genutzt werden konnte.

Am bekanntesten waren die Francis- und Durchströmturbinen, die den Wirkungsgrad der Wasserräder weit übertrafen, dazu wartungsärmer und langlebiger waren.

Die Elektrizität als zukunftsweisende Energiequelle

Nachdem in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bedeutende Erfindungen gelangen, stellte sich heraus, dass die Zukunft in der Erzeugung und Verteilung von elektrischem Strom mittels Kraftmaschinen oder Elektrizitätswerken liegt.

Dabei wird Primärenergie in Form von festen (Kohle) oder flüssigen Brennstoffen (Öl) verfeuert, um Wasserdampf zum Antrieb nachgeschalteter Turbinen zu erzeugen, die wiederum in dahinter gelagerten Generatoren Elektrizität produziert. Über eine ausgetüftelte Leitungstechnik kann der Strom über Kupferdrähte an weit entfernt liegende Verbrauchsstätten transportiert werden.

Hierzu waren die richtungweisenden Ingenieurleistungen eines Werner von Siemens notwendig; der Universalerfinder Thomas Alva Edison hatte wesentlichen Anteil, und auch das tatkräftige Handeln eines Emil Rathenaus bahnte den Weg ins industrielle Zeitalter.

Anfangs gelangen bedeutende Erfindungen

Werner von Siemens wurde 1816 auf einem Gut nahe Hannover geboren. Nach seiner Schulausbildung trat er ins preußische Ingenieurskorps ein und wurde vorübergehend Artillerieoffizier. Nebenbei erlangte er seine ersten Patente, indem ihm das Versilbern/Vergolden von Metallen auf galvanischem Wege gelang. Danach wandte er sich zusammen mit dem Präzisionsmechaniker J. Georg Halske der Telegrafie zu. Beide gründeten 1847 in Berlin eine Telegrafenbauanstalt, die Keimzelle für drei große Industriewerke: die Siemens & Halske AG für Schwachstromanlagen, die Siemens-Schuckert-Werke für Starkstromtechnik und die Siemens-Reiniger-Werke für elektro-medizinische Geräte. Um 1900 entstand um die Siemenswerke herum der Berliner Stadtteil Siemensstadt. 1892 starb Werner von Siemens als einer der genialsten Elektroingenieure. Seine größte Erfindung war zweifellos der Dynamo als Voraussetzung für die späteren Elektromotoren.

Thomas Alva Edison wurde 1847 geboren. Ihm wird nachgesagt, dass er bereits mit 13 Jahren als Zeitungsverkäufer auf Bahnsteigen und in Eisenbahnzügen Geld verdienen musste. Mit 16 Jahren kam er mit der Telegrafie in Verbindung und entwickelte derartig viele Verbesserungen, dass er bereits um 1870 als wohlhabender Mann galt. 6 Jahre später erfand er das heutige Mikrofon, 2 Jahre später folgte die erste Sprechmaschine. 1879 gelang Edison die Konstruktion einer brauchbaren elektrischen Glühbirne, womit der elektrische Strom sichtbar gemacht werden konnte. 1882 errichtete Edison sein erstes Elektrizitätswerk, nachdem ihm zuvor eine Kopplung zwischen Dampfmaschine und Dynamo gelungen war. Edison starb 1931 und hinterließ ein Lebenswerk von mehr als tausend angemeldeten Patenten.

1883 erwarb Emil Rathenau die Edisonschen Patente für Deutschland. Als Pionier der Elektrizität führte er mit seinem Partner Oskar von Miller am 13. September 1884 im Berliner Café Bauer erstmals eine dampfbetriebene Blockstation zur Erzeugung elektrischen Stroms vor und brachte vor den geladenen Gästen 450 Glühbirnen zum Leuchten. Erstes Interesse an der neuen Energiequelle war geweckt. Rathenau gründete noch im gleichen Jahr das erste öffentliche Elektrizitätsversorgungsunternehmen (Allgemeine Elektrizitäts Gesellschaft AEG).

Der allgemeine Durchbruch der Elektrizität gelang 1889 auf der Pariser Weltausstellung mit dem stählernen Eiffelturm als Wahrzeichen der Messe. Die Ausstellung war geprägt von stromerzeugenden Dynamos, die – von Dampfmaschinen betrieben – in einer Art Energieverbund strahlende Beleuchtung lieferten. Auf einem Sockel thronte das 12 Meter hohe, riesenhaft vergrößerte Modell einer Glühfadenlampe. Vom Eiffelturm strahlten des Nachts starke Lichtquellen.

Edison, der mit seinen Leuten auf einer Fläche von einem halben Hektar alle Modelle und Demonstrationsobjekte seiner bedeutendsten Erfindungen präsentierte, wurde als „Vater des elektrischen Lichts“ gefeiert.

Wie das Licht ins Elsetal kam

Im heimischen Minden-Ravensberger Raum befassten sich zuerst nur Einzelgänger mit der Stromerzeugung. Dabei handelte es sich um kleine Stadtwerke oder um Gewerbetreibende, die in erster Linie Strom für den eigenen Betrieb produzierten und weitere ortsansässige Interessenten versorgten.

Im Stadtgebiet Herford gab es ein kleines Wasserkraftwerk der Stadt Herford sowie eine Stromversorgung der Firma Bockelmann und Kuhlo. Die Stadt Minden betrieb ein kleines Elektrizitätswerk. Das privat betriebene Elektrizitätswerk Porta versorgte die Gemeinden Hausberge, Barkhausen, Lerbeck und Neesen. Die Mühle Lehra unterhielt eine dörfliche Stromversorgung der Gemeinde Nammen im Kreis Minden. In der Gemeinde Spenge betrieb das Sägewerk Oldemeier eine örtliche Stromversorgung. In Süd- und Kirchlengern betrieb die Brausemühle eine regionale Stromversorgung.

 Müllermeister Heinrich Schürmann

Der dort tätige junge Müllermeister Heinrich Schürmann war von Kindesbeinen an mit der für die Mühlerei wichtigen Wasserenergie vertraut. Geboren wurde er 1872 in der Nienburger Mühle in Bünde-Hunnebrock. Frühzeitig entschied er sich für den Beruf seiner Vorväter und ging abschließend zur Mühlereifachschule nach Leipzig, um seine Meisterprüfung abzulegen.

Dort wurden weitreichende Kenntnisse zum Beispiel über die Wasserkraft, die Höhe des Wirkungsgrades bei unterschiedlichen Durchmessern von Wasserrädern, die Ausnutzung des Gewässergefälles oder die Kraftübertragung des Wellbaumes durch unterschiedliche Zahnräder vermittelt. Außerdem lernte man viel über die Gewinnung von Elektrizität, jener neuen, zukunftweisenden Energieform. Insbesondere wurde an der Mühlereifachschule grundlegendes Wissen über das Funktionieren des Dynamos und über den Betrieb von Wasserturbinen weitergegeben.

Nach seinem Schulabschluss heiratete Schürmann 1898 in die Brausemühle ein. Gern überließ ihm sein Schwiegervater die Leitung der Mühle, weil er nun die Fortführung des Mühlenbetriebes gesichert wusste. Da die Brausemühle über eine ausreichende Wasserkraft verfügte, begann Schürmann bald mit den für die Erzeugung elektrischer Energie notwendigen Vorbereitungen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts brannten in den Häusern des Elsetales noch Petroleumlampen. Das tägliche Leben richtete sich maßgeblich nach der Tageslänge. Im Frühjahr und Sommer konzentrierte man sich auf die Feldarbeit, während im Herbst und besonders im Winter die Hausarbeit überwog. Den Abend beschloss man bei spärlicher Beleuchtung im Schein einer Kerze bzw. Öllampe.

Brausemühle

Die erst vor geraumer Zeit gemachten Erfindungen zur Nutzung elektrischer Energie hatten in die Dörfer des Ravensberger Landes noch keinen Einzug gehalten. Die Bewohner waren für ihre Sparsamkeit bekannt und hielten die Helligkeit des elektrischen Lichtes und die damit entweichende Wärme für kostspielige Verschwendung. Im übrigen kannte man diese Neuerung weitgehend nur vom Hörensagen.

Im Jahre 1902 wurde hinter den Turbinen der Brausemühle der erste Dynamo installiert. Am Anfang erprobte Heinrich Schürmann die neue Lichtquelle im eigenen Betrieb und Wohnhaus. Dann erst lud er zu einer öffentlichen Vorführung der Kohlefadenlampe in der Bahnhofsgaststätte Rabe ein. Die Mehrzahl der Südlengeraner blieb abwartend. Die Sache ist ganz gut und schön, sagte man sich, aber sie kommt zu teuer. „Dä Hidde goit medden Räok up!“

Es musste große Überzeugungsarbeit geleistet werden, um das Misstrauen der Dorfbewohner zu zerstreuen. Einige Fabrikanten, Kaufleute und Landwirte erkannten allerdings auf Anhieb die Vorteile dieser praktischen neuen Licht- und Kraftquelle.

Die ersten Drähte wurden von der Brausemühle aus zur Zigarrenfabrik Heinecke in Kirchlengern gezogen. Ein zweiter Leitungsstrang führte zur Bäckerei Wöhrmann und, auf Betreiben des Hauptlehrers Kirchhoff, weiter zur Schule Südlengern-Dorf. Außerdem schlossen sich die Landwirte Kollmeier, Ostermeier, Busse, Schwagmeier, Marmelstein, Rosenkötter, Fischer und Dresholtkamp an. Der Ausbau des Leitungsnetzes und das Aufstellen der Leitungsmasten führte vor allem in der Anfangsphase oft zu Streitigkeiten, die zum Teil gerichtlich entschieden werden mussten.

Mit der Zeit gaben viele Südlengeraner ihre abwartende Haltung auf. Die ersten Motoren wurden in Betrieb genommen, und auch sonst nahm der Bedarf an elektrischer Energie beständig zu. In trockenen Sommermonaten führte die Else nicht genügend Wasser, so dass man 1909 gezwungen war, eine Lokomobile mit einzuspannen. Das elektrisch betriebene Dreschen musste während der Dunkelheit untersagt werden.

Im gleichen Jahr wurde 600 Meter unterhalb der Brausemühle am Kirchlengerner Elseufer mit dem Bau des Elektrizitätswerkes Minden-Ravensberg begonnen. Als dort ein weiterer Elsestau errichtet werden sollte, setzte sich der Brausemüller gerichtlich zur Wehr.

Die durch die Wasserfrage zwischen beiden Parteien aufgeworfenen Differenzen konnten erst nach langen Jahren rechtlicher Auseinandersetzungen mit einem Vergleich beigelegt werden. Bis dahin war ein weiter Weg, und der Brausemüller hatte mit vielerlei Schwierigkeiten zu kämpfen. Im Jahr 1927 wurde ihm zum Beispiel von der Kreisverwaltung verboten, mit seinen Leitungen die Kreisstraße zu kreuzen.

Bis 1963 wurden große Teile Süd- und Kirchlengerns durch das Leitungsnetz der Brausemühle elektrisch versorgt. Danach erwarb das EMR das Leitungsnetz mit allen Versorgungseinrichtungen. Das EMR übernahm auch das Wasserrecht sowie die Aufsichts- und Unterhaltungspflicht für das Mühlenwehr.

Minden-Ravensberg braucht eine überregionale Stromversorgung

Im Jahre 1907 entstanden beim Landrat Franz von Borries erste Überlegungen zum Bau einer stromerzeugenden Überlandzentrale. Er war ebenso wie der Mindener Landrat Cornelsen überzeugt, dass die Elektrizität die wichtigste Energiequelle der Zukunft sein würde. Um die wirtschaftliche Entwicklung in Minden-Ravensberg abzusichern, sollte ein bedeutendes Elektrizitätsversorgungsunternehmen aufgebaut werden, das in der Lage war, diese Produktionsaufgabe zu übernehmen.

In bevölkerungsreichen Ballungsräumen hatte man die Notwendigkeit solcher Maßnahmen längst erkannt, während die heimische, eher ländlich strukturierte Bevölkerung die elektrische Versorgung noch immer als überflüssigen Luxus ansah.

Franz von Borries verband das Gelingen des Projektes mit seiner Position als Landrat. Er vertrat die Ansicht, dass kleine, privat betriebene Kraftwerke nicht in der Lage seien, den Minden-Ravensberger Raum flächendeckend mit Leitungsnetzen zu erschließen und kontinuierlich mit elektrischem Strom zu versorgen. Waren die lukrativen „Rosinen“ erst aus dem Kuchen herausgepickt, wäre für den Rest eine Unterversorgung bald abzusehen.

Oberingenieur Willy Hoffmann von der AEG in Berlin, übernahm die ersten Ausführungsplanungen und kam schnell zu der Ansicht, dass der Landstrich Herford-Minden dringend eine Überlandzentrale benötigte.

Die Stadt Herford verfügte seit 1902 über ein mittlerweile zu klein gewordenes Kraftwerk an der Bowerre. Ähnliche Probleme hatte die Stadt Minden mit ihrer städtischen Stromerzeugung an der Hermannstraße. Die königliche Eisenbahnverwaltung signalisierte für ihre Regionalbahnhöfe Löhne, Herford und Bünde stetigen Strombedarf. Die Provinz Westfalen zeigte großes Interesse und konnte als namhafter Geldgeber gewonnen werden. Zusammen mit den Kreisen Herford und Minden stellten sie das Kapital für den Bau des Kraftwerkes Kirchlengern und waren somit Hauptbeteiligte. Die anderen kleineren kommunalen Gesellschafter finanzierten mit ihren Stammeinlagen jeweils den Wert der elektrischen Anlagen und Einrichtungen, die auf dem Gebiet der eigenen Gemeinde herzustellen waren.

Am 4. März 1909 wurde die „Elektrizitätswerk Minden-Ravensberg GmbH“ mit einem Stammkapital von 1,5 Millionen Mark gegründet. Zweck des Gemeinschaftsunternehmens war die Erzeugung und Verwertung elektrischer Energie und Lieferung des Stromes ohne jeden Zwischenhandel bis zur letzten Verbrauchsstelle. Da ausschließlich kommunale Beteiligungen bestanden, waren alle straßen- und wegebesitzenden Gemeinden involviert, die als öffentlich-rechtlicher Zweckverband gemeinnützig, allerdings mit eindeutigem Bekenntnis zur kaufmännischen Geschäftsführung auftraten.

Für das Bauvorhaben wurde unter drei möglichen wassernahen Standorten schnell ein hochwasserfreies Gelände in Kirchlengern an der unteren Else gewählt. Nach nur 10monatiger Bauzeit konnte bereits der erste Strom nach Herford und Bad Oeynhausen geliefert werden.

Erster Direktor des EMR wurde der mit Planung und Ausführung betraute Oberingenieur Willy Hoffmann. Landrat Franz von Borries übernahm den Vorsitz des kommunalen Aufsichtsrates. Nach Errichtung der Produktionsstätte in Kirchlengern wurde in den Jahren 1910 bis 1912 in Herford eine erste kaufmännische Verwaltung geschaffen. Die anfängliche Leistung bestand aus zwei Dampfturbinen mit 700 bzw. 1000 Kilowatt.

Zum Betrieb des Kraftwerkes verfeuerte man ausschließlich Magerfeinkohle aus der Zeche Ibbenbüren. Vom naheliegenden Bahnhof Kirchlengern wurde ein kurzer Gleisanschluss verlegt, auf dem ab 1928 eine werkseigene Lok den Kohlewaggonverkehr übernahm. Die Kühlwasserversorgung der Heizkesselanlage wurde aus der Else gespeist.

Die oberhalb der Else auf Sicht liegende Brausemühle besaß ein altes verbrieftes Stau- und Wassernutzungsrecht. Das Elsewasser durfte auf der gesamten Breite des Flusses zum Betrieb der Mühle genutzt und musste dem Fluss danach wieder zugeführt werden; dabei war das Fischleben allerdings nicht zu gefährden.

1914 beauftragte das EMR die Errichtung eines Elsestaues, um genügend Kühlwasser zu bevorraten. Eine zweite Erhöhung des Staurechtes wurde 1926 beantragt.

Der Brausemüller erhob jedes Mal Einspruch, da das Gewässergefälle seines Mühlenstaues zu seinem Nachteil verringert wurde. Eine Einigung wurde am Ende erzielt, indem das EMR das als Kühlwasser entnommene Elsewasser 200 m oberhalb der Brausemühle als angewärmtes Wasser wieder in den Fluss einleiten musste und die Mühle das Wasser ein zweites Mal nutzen konnte. Über einen in der Bahnhofstraße liegenden Kanal wurde das erwärmte Kühlwasser jenseits der Lübbecker Straße am sogenannten „Warmen Wasser“ wieder zugeführt. Außerdem lieferte das EMR der Brausemühle im Bedarfsfalle Strom für deren Kunden.

In der Folgezeit stieg der Bedarf an elektrischer Energie in allen Bereichen sprunghaft an. Die einstmals auf Privatinitiative bin gegründeten Gleichstromerzeuger in Herford, Minden, Porta, Nammen und Spenge wurden mit ihren örtlichen Leitungsnetzen übernommen. Das EMR wuchs zu einem bedeutenden Arbeitgeber. In Herford wurde 1927 die neue Hauptverwaltung an der Bielefelder Straße bezogen. Für das eigentliche Kraftwerk Kirchlengern konnte man mit Fug und Recht behaupten, dass die Jahre 1920 bis 1935 durch permanente bauliche Erweiterungen und Kapazitätsaufstockungen gekennzeichnet waren. Neue Dampfkessel, Turbogeneratoren, Pumpenanlagen, ein zweiter Schornstein sowie eine neue Kohlentransportanlage mit Kübelkatze wurden installiert.

Die Bevölkerung von Süd- und Kirchlengern war während dieser Jahrzehnte stürmischen Wachstums erheblichen Emissionen von Rauch, Ruß, Flugasche und Lärm ausgesetzt. Die Abluft verließ die Schornsteine völlig ungereinigt, der Dampfüberdruck entwich laut zischend den Ventilen und wurde unregelmäßig abgeblasen. Der Flugaschestaub belästigte permanent die Bevölkerung. Die Hausfrauen hängten ihre Wäsche erst auf, wenn die Rauchfahne über den Schornsteinen des EMR darauf schließen ließ, dass der Wind die Schmutzpartikel in eine entgegengesetzte Richtung trieb.

Erst 1954 sorgte ein Elektrofilter für eine erträgliche Flugstaubreduzierung. Um diese Zeit beschäftigte das Kraftwerk Kirchlengern insgesamt 249 Mitarbeiter und war somit ein wichtiger Arbeitgeber für Süd- und Kirchlengern. Durch spätere Rationalisierungen nahmen die Mitarbeiter nach 1965 mit 243 Beschäftigten über 1970 mit 190 Beschäftigten auf 1975 mit 97 Beschäftigten stetig ab.

Das EMR hatte sich mit den Stadtwerken Bielefeld und dem Elektrizitätswerk Wesertal dazu entschlossen, das Gemeinschaftskraftwerk Veltheim an der Weser zu errichten und in Betrieb zu nehmen. Das Werk an der Else fungierte nach 1965 nur noch als Spitzenlastkraftwerk. Es wurde auf Gasbefeuerung umgestellt und sichert ab 1975 lediglich noch die im Störfall vom Kraftwerksverbund benötigten Reserven.

Diese Umwidmung vom laufenden Produktionsbetrieb zum allzeit bereitstehenden Notfallversorger setzte eine Anpassung der Tätigkeitsmerkmale voraus und stellte die vor Ort tätigen Kraftwerker vor neue Anforderungen.

Ausblick

Zu Beginn des neuen Jahrtausends ist der bundesdeutsche Energiesektor von großräumigen Erzeugerzusammenschlüssen gekennzeichnet, um europäischen Wettbewerbsanbietern Paroli bieten zu können. Das EMR ist mit den anderen Regionalversorgern Bielefeld und Paderborn in die Diskussion gekommen. Man sucht starke Schultern als strategische Partner, verliert aber möglicherweise den Anschluss, wenn es nicht gelingt, kommunalpolitische Parteigrenzen zu überspringen. *

(aus: Chronik Südlengern, Verlag Drei Mühlen 2001)

* Inzwischen ist auch die Geschichte des EMR eine Geschichte aus der Vergangenheit.

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