Zeugen menschlicher Tragödien

Jahrhunderte alte Steine erinnern an längst vergessene Schicksale

Bericht der NW Bünde am 24.05.2008 von Andrea Rolfes (Foto: Patrick Menzel)

Der Zahn der Zeit nagt an allem. Was bleibt, wenn der Mensch verstorben ist, sind die Erinnerungen. In Bünde zeugen zwei unauffällige, Jahrhunderte alte Steine von tragischen Unglücksfällen. Einer gedenkt des Todes eines zehnjährigen Jungen, der am 24. Mai 1883 vor den Augen seines Vaters vom Blitz erschlagen wurde. Aus Liebe zu ihrem Sohn stellte die Familie vor 125 Jahren einen 1,20 hohen Sandstein am Rand eines verlassenen Feldweges auf. Unscheinbar und den meisten Bündern vermutlich unbekannt, ist die Inschrift Spiegel einer tiefen, längst vergessenen Trauer.


Stein im Barrenbruch

Auf dem Foto betrachten Daria Moning (8 Jahre) und Adriana Anzalone (6) den Gedenkstein, den die Familie Große-Wortmann vor 125 Jahren an diesem Feldrand aufstellte.

Nicht weit vom Elseufer entfernt, in der Nähe des Barrenbruchweges, soll er nach Informationen des Stadtarchivs stehen. Doch wer hier den Stein sucht, der an den Tod von August Große-Wortmann aus Südlengern erinnert, sieht nur Wiesen, Felder und Pferde. Wären da nicht die achtjährige Doria Moning und ihre Freundin Adriana Anzalone (6 Jahre) gewesen, die für ihre Meerschweinchen am Wiesenrand Löwenzahn pflückten, wäre der Stein wohl auch von mir unentdeckt geblieben. Ich erzähle den Mädchen, wonach ich suche. Die Beiden überlegen, nicken und führen mich über schmale Pfade, bis die Gedenkstätte im kniehohen Gras zu erkennen ist.

Verwittert, vom Regen und der Kälte aufgesprungen ist die Inschrift kaum noch zu lesen. Doch mit Hilfe des Stadtarchivs und des historisch interessierten Willi Fleddermann gelingt es, die Buchstaben zu entziffern.

„Allein Gott in der Höhe sei Ehr“ ist in einem Bogen eingeritzt. Darunter befindet sich ein Kreuz. Dann folgen Worte, die noch 125 Jahre nach dem Tod des Jungen erschauern lassen: „Mein Gott mit deinem Wetterstrahl verschone gnädig alzumal mein Haus, die dort gehen aus und ein, wollst uns im Wetter gnädig sein“, bittet der Vater, der den Unglücksfall für die Nachwelt in Stein gemeißelt festhält. Laut Inschrift kam sein Sohn mit den Kühen von der Weide und befand sich auf dem Heimweg, als es zu Gewittern begann. „Ich, Vater folgte ihm auf 100 Schritte nach und da ich meine Augen aufhob lag alles auf der Erde. Ich nahm ihn auf, rief mein Kind was fehlt dir, doch er blieb stumm – todt. Ich legte ihn auf meinen Schoss und bittere Thränen flossen mir von den Wangen.“

Stein in Ennigloh

Willi Fleddermann, der in Südlengern aufwuchs und zur Schule ging, war der Gedenkstein bereits als Kind aufgefallen. „Ich war schon damals neugierig, was er bedeuten könnte,“ erinnert er sich. Dass es sich um einen Grabstein handelt, erfuhr er erst kürzlich, als er für die Internetseite „www.suedlengern-aktiv.de“ nach interessanten Geschichten suchte.

In diesem Zusammenhang wurde der Südlengeraner auch auf einen zweiten Stein aufmerksam. Ein Granit-Kreuz, das an der Ecke Holzhauser Straße/Am Kreuzstein an einen Mord an zwei Brudern erinnert. Auch hier ist die Inschrift kaum noch zu entziffern. Dank Archivbildern ist jedoch bekannt, dass einst deutlich geschrieben stand: „1622 haben sich hier verletzt Fritz und Karl Losiger.“ Stadtarchivarin Petra Seidel schließt aus den Namen, dass es sich um Bünder Brüder gehandelt haben muss, die in Zeiten des 30-jährigen Krieges getötet wurden. „Viel mehr lässt sich leider nicht mehr sagen“, so Fleddermann. Doch, wer die Steine betrachtet, wird stets an beide Unglücke erinnert.

(Neue Westfälische Bünder Tageblatt,
Samstag 24. Mai 2008)

Mit der Sense aufeinander losgegangen

Als der obige Artikel in der NW Bünde erschienen war, rief Hans-Walter Röhr bei Willi Fleddermann an. Zum Mord am Kreuzstein konnte er ergänzen, dass die beiden Brüder – wie im Ort erzählt wurde – im Streit mit Sensen aufeinander losgegangen waren und so gemeinsam ums Leben kamen.

Von „Babutz“ und „Tiahnebriaker“

„Papa Müller“, ein alteingesessener Friseur in Kirchlengern, hat in seinem Leben viele Zähne gezogen (als „Tiahnebriaker“ praktiziert) und manchen damit vom Zahnschmerz befreit. Darüber, und wie man jemanden „über den Löffel“ barbiert, berichtet Bernd Schürmeier:


Jemanden „über den Löffel barbieren“ …

Wenn man davon spricht, jemand „über den Löffel zu barbieren“, hängt das ganz sicher mit dem Wort Barbier zusammen. Den genauen Zusammenhang kann ich mir nicht erklären, denn mit „über den Löffel barbieren“ verbindet man eher die Vorstellung, dass jemand „aufs Kreuz gelegt“ werden soll. Dabei war die Rasur mit Hilfe eines Löffel früher absolut praktisch zu sehen. Dann nämlich, wenn ein älterer Mann keine Zähne mehr hatte und seine Wangen eingefallen waren. Kaum möglich, so einen gründlich zu rasieren! Doch mit einem Löffel ließen sich die Wangen prima ausfüllen und „stabilisieren“. Dann bedeutete auch die Bartbehandlung kein Problem mehr. Von meinem Großvater ist überliefert, dass er im Herbst statt eines Löffels einen halben Apfel verwandte. Gute Kunden bekamen einen neuen Apfel …

Wenn etwas gegen den Strich geht …

Was es bedeutet, wenn einem Friseurgesellen das Gerede seines Kunden buchstäblich „gegen den Strich“ geht, sollte einst einer erfahren, der im Stuhl saß und tönte, was denn der „Bubi“ da – gemeint war ein junger Mann mit noch recht zartem Flaum auf den Wangen – hier im Salon zu suchen hätte. Den „Bubi“ müsse man noch nicht rasieren, der könne sich einfach an die Bahnschranken stellen, auf den nächsten D-Zug warten – und, Schwupps, würde sein Bart wohl wegfliegen! Er selbst dagegen, klang es prahlerisch, habe einen „richtigen, deutschen Bart“, das erst sei eine Aufgabe für den Friseur. Der Geselle meines Vaters zwinkerte dem jungen Mann vielsagend zu und ignorierte einfach das Gerede. Zumindest schien es so.

Denn als der Geselle nun den mit dem „deutschen Bart“ gründlich rasierte, führte er die Klinge unauffällig „gegen den Strich“, das heißt, gegen die Wuchsrichtung der Barthaare. Das blieb zunächst ohne Folgen. Als er dem Kunden aber die übliche Erfrischung mit „Pitralon“ verpasste, sprang der wie von einer Tarantel gestochen aus dem Stuhl. Tränen schossen ihm in die Augen. Pitralon, ein damals gebräuchliches Rasierwasser galt als Gift schlechthin. Und die gereizte Haut reagierte sofort. Der Kunde blieb ein guter Kunde. Doch schien er künftig weniger geneigt zu flotten Sprüchen.

Nach der Brennschere kam die „nasse“ Dauerwelle

1950 erweiterte mein Vater den Betrieb um einen Damensalon. Damit schnitt er „alte Zöpfe“ ab, weil bis dahin die Haarkunst zumindest bei den Frauen in ländlichen Gegenden eine eher untergeordnete Rolle spielte. Man trug die Haare glatt gekämmt, oft auch im Nacken zu einem Knoten gebunden. Die durchaus mögliche Formung der Haare mit einer Brennschere, wie sie in vielen Haushalten zu finden war, bedeutete eine umständliche Prozedur. Die Brennschere wurde auf dem Herd erhitzt, sofern man nicht einen speziellen Spiritusbrenner besaß. Doch als Karl Nessler die chemische Dauerwelle entwickelt hatte, war alles sehr viel unkomplizierter geworden. Die Haarmode bekam einen entsprechenden Stellenwert. Die Frau, die auf sich hielt, bevorzugte die nasse Dauerwelle.

„… wat häff sik dat huier verännert!“

Sicher muss man mit der Zeit gehen. So habe ich von Zeit zu Zeit immer etwas verändert. Renoviert, modernisiert. Doch als vor etlichen Jahren einmal Opa Lohmann bei mir hereinschneite, war nichts dergleichen geschehen. Er stand wie vom Donner gerührt. „Nei, wat häff sik dat huier verännert!“ brachte er heraus. Natürlich widersprach ich ihm. Nein, hier hatte sich in letzter Zeit beim besten Willen nichts verändert! Er kniff die Augenbrauen zusammen und sah sich prüfend um. „Nei, wat häff sik dat huier verännert!“ wiederholte er. Schön, Opa Lohmann war nicht mehr der Jüngste und vielleicht ein bisschen tüddelig. Doch so konnte er sich doch nicht vertan haben! „Ach was, Opa Lohmann“, sagte ich, „hier hat sich ganz bestimmt nichts verändert, alles ist so geblieben, wie es war!“ Er runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Leiwe Tuid“, stellte er fest, „wenn sik huier nix verännert häff, dänn schüdde mui man erst einen Lüttken in, oawer ik briuke woll nen Dubbelten!“ Des Rätsels Lösung war einfach. Opa Lohmann hatte vor, bei Oma Buddenberg einen „Lüttken“ zu nehmen und war aus bloßer Tüddelei im Nachbarhaus gelandet. Klar, dass es fieberhaft in ihm arbeiten musste, was es mit den gepolsterten Frisierstühlen vor der Theke auf hatte.

„Drink man, dann wird dir warm!“

… und wie aus der Dorfkneipe ein Striplokal wurde

Ein altes Postkartenmotiv zeigt den ehemaligen Gasthof Busse (später bekannt als „Gasthof Spilker“). Der Gasthof wechselte den Namen, als die zweimal verwitwete Anna Busse, die in zweiter Ehe Tiemann hieß, in dritter Ehe mit Gustav Spilker aus Herford verheiratet war. Vorm Gaststätteneingang standen gewaltige Kastanien. Im Gastzimmer bullerte ein alter Kanonenofen. Und wenn einer der Gäste zu Anna Spilker sagte: „Anna, est dat käolt bui dui!“, antwortete sie darauf: „Drink man, drink man, dann wird dir warm!“


Gasthof Spilker

Der Spilkersche Saal war geselliges und kulturelles Zentrum zugleich. Beim Tanz lernten junge Leute aus Südlengern und Umgebung ihre Partner kennen, im Saal fanden aber auch Vereinsfeiern, Bürgerversammlungen, Theater- und Konzertveranstaltungen statt. Die „große Zeit“ kam nach dem Kriege, als eine weithin bekannte Spitzenkapelle bei Spilker zum Tanz aufspielte. Auch die Saalveranstaltungen zur 800-Jahrfeier Südlengerns im Jahre 1951 fanden bei Spilker statt, und das Interesse war so groß, dass der gewiss nicht kleine Saal jedesmal hoffnungslos überfüllt war.

August Tiemann, Anna Spilkers Sohn aus zweiter Ehe, war letzter Betreiber in der Tradition des Familienunternehmens. Gaststätte und Saal wurden zunächst an andere Gastronomen verpachtet. Dann wurde aus dem Saal vorübergehend ein berühmtes „Etablissement“, das „Cabaret Royal“.

Im Oktober 1970 begann Südlengerns „Rotlicht-Phase“ mit Auftritten der „schwarzen Barbarella“, von „Annette Cherie“, „Cora Coraleva“, „Christine“, „Milli“ und anderen, die in mehr oder weniger naiv-verruchter Form ihre Haut „zum Markte“ trugen. Nicht nur blanke Mädchenkörper dienten diesem Zweck, wie die Presse nach der Eröffnung berichtete, sondern auch Peitschen, Hot Dogs oder Teddybären – was immer man auch mit derlei Dingen anstellen mochte.

„Wer – und das sollte man nicht verschweigen – ein solches Striplokal besucht“, mahnte der Pressebericht zur Vorsicht, „muss sich darüber im Klaren sein, dass er in keinen ‚Kindergarten‘ kommt, sondern sich schon auf einige ‚harte Nüsse‘ gefasst machen muss. Er muss sie ja auch mit barer Münze hart bezahlen. Aber, wer mitreden will, muss es ja einmal gesehen haben. Im ‚Cabaret Royal‘ in Südlengern wird ihm wahrscheinlich mehr gezeigt, als manche Großstadt im Ruhrgebiet zu bieten vermag.“

Einmal sollen einige aus Bünde nach Hannover gefahren sein, um dort etwas „zu erleben“. Sie fragten dort Passanten, wo man denn in Hannover so richtig „einen drauf machen“ könne. Nee, sagten die. In Hannover sei eigentlich nix los. Doch einen heißen Tip hätten sie schon. In Südlengern bei Bünde, da gäbe es so einen tollen Laden …

Es kam auch vor, dass neugierige – und mutige – Konfirmanden statt zum Unterricht in Spilkers Bar auftauchten. Ihr Papi sei gestern nicht nach Hause gekommen, und sie wollten mal nachsehen, ob er hier abgeblieben sei. Oder sie baten darum, zwei Mark zu wechseln. Doch zumindest der „Rausschmeißer“ hatte keinen Humor. Er setzte die forschen Knaben einfach vor die Tür.

Südlengern liegt im Mittelpunkt der Welt

von Willi Fleddermann

Auf das Phänomen wurde ich aufmerksam, als ich zufällig entdeckte, dass Südlengern genau auf der Achse zwischen Spenge und Volmerdingsen liegt. Dann stellte ich fest, dass eine weitere Achse Südlengern mit Exter und Schwenningdorf verbindet. Auch die Gerade zwischen Hücker Moor, Doberg und Gohfeld mochte noch nichts zu bedeuten haben. Dass aber eine direkte Linie vom Herforder Stift auf dem Berge über die Branneke in Südlengern zur Babylonie im Wiehengebirge führt, machte mich stutzig.


 Als nächstes entdeckte ich die Achsen zwischen Paderborn und Oppenwehe, dann die bemerkenswerten Linien zwischen Hameln und Osnabrück sowie zwischen Bottrop und dem Steinhuder Meer. Immer Südlengern mittendrin. Mutiger geworden, erweiterte ich meinen westfälischen Horizont, indem ich unsichtbare Fäden zwischen Köln und Nienburg, München und Aurich, Flensburg und Basel, Hamburg und Luxemburg spannte. Mit den folgenden Linien zwischen Brüssel und Danzig, Warschau und Rotterdam war ich endgültig auf internationalem Parkett gelandet.

Ich kam zwar streng genommen nicht in Südlengern, sondern im Bünder Krankenhaus zur Welt, wuchs aber in Südlengern auf und hatte eigentlich immer das Gefühl, mit meiner Heimatgemeinde müsse es etwas Besonderes auf sich haben. Ich konnte das nie begründen, und wahrscheinlich fehlte mir in all den Jahren auch die Zeit, diese Ahnung zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen. Das änderte sich erst, als ich mich im Vorfeld des Ortsjubiläums „850 Jahre“ zur Mitarbeit im Arbeitskreis „Chronik“ entschloss.

Es dauerte nicht lange, bis ich begriff, wie wenig ich von Südlengern wusste. Vielleicht, nein, bestimmt sogar hatte ich in den Jahren meiner Kindheit aufmerksamer hingeschaut. Oft waren es schlichte, unscheinbare Eindrücke, wenn wir am Brandbach Kühe hüteten, nebenbei Kaulquappen fingen, Käfern oder Schmetterlingen nachjagten. Der Doberg aber hatte schon damals für mich eine eigenartige Anziehungskraft. Ich wusste wenig von seinen Schätzen und Geheimnissen, doch ich spürte, dass alles dort ungewöhnlich war. Nur in der kalten Jahreszeit, wenn Schnee lag und wir mit Schlitten den Hang hinuntersausten oder uns – manchmal vergebens – auf Waldwegen mühten, in der Spur zu bleiben, gewann pure Freude am winterlichen Vergnügen die Oberhand.

Der stählerne Turm auf dem Reesberg stand im Mittelpunkt abenteuerlicher Spiele. Dass er einmal eine dramatischere Bedeutung gehabt hatte, wusste ich nicht. Oder wenn es jemand erwähnt haben mochte, war mir die Tragweite dessen, wie schicksalhaft der Zweite Weltkrieg das Leben auch in Südlengern verdunkelt und ins Hässliche verzerrt hatte, nicht bewusst. Er hatte Trauer über viele Familien gebracht. Und die Luftangriffe, die vom Beobachtungsposten auf dem Reesberg regelmäßig und zunehmend häufiger vermeldet wurden, führten zu einem Zustand von Angst und Lethargie, an den sich Ältere erinnern, den man sich heute aber kaum noch vorstellen kann.

Kinder waren es, die nach dem Ende des Krieges im Reesberg Waffen und Munition suchten – dort hatten sich Soldaten auf dem Rückmarsch von lästig gewordenen Requisiten befreit. Wenn die Kinder Patronen fanden, zogen sie mit einer Zange die Hülsen ab, schütteten das Schwarzpulver in ein Glas und zündeten es an. Schnell hatten sie auch Unterschiede herausgefunden. Befand sich zum Beispiel seitlich an einer Patronenspitze eine kleine Lötstelle, handelte es sich um Leuchtmunition. Und einmal zerfetzten Kinder mit einer Maschinengewehrsalve eine Hochspannungsleitung. Die Drahtenden sausten funkensprühend in das darunter liegende Kornfeld und hinterließen eine verkohlte Schneise.

Als wir Kinder waren, haben wir oft am Elseufer gespielt oder in „Trampen Busch“ Räuber und Gendarm. Die idyllische Flusslandschaft gestaltet das Bild Südlengerns mit seit eh und je. Als Junge habe ich mich nie gefragt, woher die Else kommt, und ob ihre Entstehungsgeschichte vielleicht ungewöhnlich ist. Irgendwann brachte ein Lehrer die Hase ins Spiel, und vielleicht war damals auch von „Bifurkation“ die Rede. Doch mir ist erst später klar geworden, dass der Ursprung der Else bei Gesmold im Osnabrücker Land eine Sensation darstellt. Die Gabelung der Hase, deren Wassermassen zu zwei Dritteln zur Ems hin weiterfließen, zu einem Drittel aber – über die Else – nach Osten zur Weser hin, entpuppt sich als Naturschauspiel, das sich im Übrigen nur an sehr wenigen Stellen der Erde – etwa in Südamerika – beobachten lässt.

In Südlengern prägte die Else das Alltagsleben in vielfältiger Weise. Überschwemmungen gab es oft, vor allem nach einem strengen Winter und nach starken, anhaltenden Regenfällen. Im Winter führte die Else häufig mächtige Eisschollen mit sich. Einmal lag ein Eisklotz, etwa zehn Meter lang und vier bis fünf Meter dick, auf einer der Holtkampschen Wiesen am Finkenbusch. Erst weit nach Ostern hatte die wärmende Kraft der Frühlingssonne den Koloss bezwungen und in Wasser, sein fließendes Element, zurückverwandelt.

Früher fing man die Fische in der Else noch mit Maurerbindfaden und Drahthaken. Gefangenen Hechten band man einen Bindfaden um die Kiemen und hielt sie so in seichtem Wasser fest. Einmal scheuerte der Bindfaden durch, und die Hechte marschierten so „peu à peu“ ab. Als der Angler das Missgeschick bemerkte, wollte er den Fang natürlich nicht so einfach ziehen lassen. in seiner Hast rutschte er aus und nahm ein unfreiwilliges Bad. Die Beobachter hatten einen Mordsspaß.

Und einmal kam ein Karpfen dahergeschwommen, erzählt Fritz Feldmann, so lang wie ein U-Boot. Einer, der dabei war, soll tief beeindruckt ausgerufen haben: „Junge, häss diu dän soihn? Äogen hädde de, wie’n Piard!“

Wenn die Else im Winter zugefroren und die Eisdecke dick genug war, begegneten sich viele Südlengeraner, Kirchlengeraner und Spradower mit und ohne Schlittschuhe beim „Eislaufen“ auf der Else. Im Sommer stand ein anderer Freizeitspaß obenan. Dann wurde aus der Else eine große, langgestreckte Badeanstalt. Eine Badestelle war das Mühlenkolk an der Elsemühle. Dort gab es sogar einen 5 Meter hohen Sprungturm. Die Badestelle war mit Leitungsmasten abgeteilt, und es musste Eintritt bezahlt werden, der damals 5 Pfennige betrug. Das „Hexenkolk“ war ein tiefes und trügerisches Wasser. Bei Trampen Aufschlag, wo der Brandbach in die Else mündete, hatte die Else ein Steilufer. Man musste einer Leiter mitnehmen, um hinunter und wieder hinauf zu kommen.

Besonders beliebt aber war das „Warme Wasser“. So wurde die Stelle in Höhe der „Insel“ bezeichnet, an der das EMR  nach einer Vereinbarung mit dem Brausemüller auf Kirchlengerner Gebiet das aufgeheizte Kühlwasser über ein Rohrleitungssystem in die Else zurückführte. Die oval geformte Rohrleitung hatte einen großen Durchmesser und ging am Kirchlengerner Bahnhof und an der Schmiede Johanning vorbei. Die Kinder machten sich einen Spaß daraus, bereits durch einen Schacht am Bahnhof „einzusteigen“ und sich vom warmen Wasser bis hinunter zur Else tragen zu lassen. Auch am Wehr der Brausemühle und im Rattenkolk wurde gebadet. An der Brausemühle war es gleich hinterm Stau sehr tief, und wenn der Brausemüller Kinder beim Baden erwischte, reagierte er ungehalten. „Iek will di helben“, soll er gerufen haben. Doch wenn das Baden unter Aufsicht – zum Beispiel eines Lehrers – stand, hatte er nichts dagegen.

Die Sorge des Brausemüllers kam nicht von ungefähr. Fast jedes Jahr holte sich die Else ein Opfer, manchmal auch zwei. Heinrich Böker weiß von zwei Jungen, die in der Nachbarschaft zu Besuch waren und die Tücken der Else nicht kannten. Einer geriet in Not, der andere wollte ihn retten, und sie ertranken beide.

1995 wurde die Elseaue unter Naturschutz gestellt. Seitdem kauft der Kreis Herford verstärkt Privatflächen auf, die dann im Sinne des Naturschutzes als Grünland genutzt werden oder sich selbst überlassen bleiben. Ziel aller Maßnahmen ist der Erhalt und die Entwicklung einer naturnahen Flussaue für Pflanzen und Tiere, die gleichzeitig der Erholung der Menschen dient. Vom Rad- und Wanderweg aus, der durch das Gebiet verläuft, kann man in Ruhe die Natur beobachten und genießen, ohne zu stören.

Ich habe die Volksschule in Südlengern-Dorf besucht. Damals gab es noch das alte Fachwerkgebäude von 1822, das 1958 zusammen mit dem alten Toilettengebäude abgerissen wurde, als die Schule einen Anbau erhielt.

Die Schule im Dorf hat eine mehr als 250jährige Tradition, wie ein Dokument aus 1742 belegt. Damals wollte der alte Schulmeister seinen Sohn als Hilfskraft einbeziehen. Die Prüfung dazu bestand der junge Mann leidlich. Er wurde jedoch ermahnt, „besonders im Schreiben sich zu üben, weil man gefunden, dass es ihm hierin noch in etwas gefehlt.“ Die Eltern hatten um 1800 ein Schulgeld von knapp 1 Reichstaler zu zahlen. Die Zahlungsmoral ließ allerdings zu wünschen übrig. Und auch die Einführung der Schulpflicht in Preußen ließ die Klagen der Schulmeister über die „rohen und unkultivierten Bauern“ und den unregelmäßigen Schulbesuch ihrer Kinder nicht abreißen.

1822 wurde auf dem jetzigen Schulgrundstück der bereits erwähnte Fachwerkbau errichtet. Die Gemeinde soll damals ein gut erhaltenes Försterhaus erworben und wieder aufgestellt haben. 1881 erhielt das Gebäude einen Anbau, den heutigen Altbau. Außerdem entstanden neben der Schule ein Toilettenhäuschen für die Schüler und ein Spritzenhaus. Das alte Spritzenhaus wurde 1925 abgerissen und durch ein neues, das heute noch bestehende Gebäude am Brandbach ersetzt.

Die Schulchronik muss auch während der Zeit des Nationalsozialismus sehr ausführlich geführt worden sein. Diese Unterlagen sind aber, und das war nicht nur in Südlengern so, in weiten Teilen verschwunden, vermutlich vernichtet worden. Immerhin erfahren wir aus dem Jahr 1933, dass den Schulkindern zum Tag „der Unterzeichnung des Schanddiktats von Versailles“ die „unerhörte Schmach und Schande des Vaterlandes durch den Feind“ vor Augen geführt, und dass der Hitlergruss eingeführt wurde.1934 berichtet die Chronik, dass die Schar des Jungvolks ständig anwuchs. Auch eine Gruppe der Hitler-Mädel hatte sich gebildet. 1936 erhielt die Schule Südlengern-Dorf die Genehmigung zum Hissen der Hitler-Jugend-Fahne, da die Voraussetzung – eine mindestens 90prozentige Erfassung der Schülerschaft durch die Hitlerjugend – erfüllt war. Die konsequente Erziehung zum Nationalsozialismus verfehlte ihre Wirkung nicht. „Nach vier Jahren Jungvolk hätte ich einen Juden mit gutem Gewissen erschossen“, sagt ein ehemaliger Schüler, „damit werde ich heute noch nicht fertig.“

Die Tochter der ehemaligen Schuldienerin berichtet aus der Zeit des Krieges. Häufig gab es kurz vor Mittag Fliegeralarm. Deshalb wurde der Unterrichtsschluss vorgezogen. Weil die ersten vier Jahrgänge nun in ihren Klassenräumen nicht mehr nacheinander unterrichtet werden konnten, fand ein Teil des Unterrichts im Spritzenhaus am Brandbach statt. Sobald die Sirenen ertönten, wurden die Kinder nach Hause geschickt. Manchmal waren die Tiefflieger schneller, dann warfen sich die Kinder auf freier Strecke in einen schützenden Graben. Im Winter 1944/45 nahm die Organisation Todt die Turnhalle in Beschlag und brachte dort Kriegsgefangene unterschiedlicher Nationalitäten unter. Die Aufseher gingen äußerst brutal vor. Oft hörte man bei Nacht die Schreie der Misshandelten. Wurden die Gefangenen bei verbotener Nahrungsaufnahme erwischt, mussten sie sich halbnackt ausziehen und bei klirrender Kälte auf dem Schulhof aushalten, wo sie entsetzlich litten. Manchmal „vergaß“ der Vater, den Heizungskeller abzuschließen, damit die Gefangenen sich dort etwas aufwärmen konnten. Das war aber  nicht ungefährlich. Als die Besatzer kamen, entlud sich die Wut der Gefangenen in furchtbarer Weise. Das Ende ihrer Leiden vor Augen, flohen sie bei Nacht. Dabei nahmen sie die schlimmsten ihrer Drangsalierer mit und hängten sie entlang ihres Weges an Bäumen auf, wo sie am nächsten Morgen ein schauriges Bild boten.

Die Chronik „850 Jahre Südlengern“ spart diese Ereignisse nicht aus, und ich halte das für sehr wichtig. Sie spart auch davor liegende Zeiten der Not, der Drangsalierung oder politischer Auseinandersetzungen nicht aus. Sie erzählt aber auch viele Geschichten, die erheitern, und über die man unbeschwert lachen kann. Vielleicht amüsieren wir uns über den schaurigen Spuk im Gantenkrug oder über die Hexensaga vom Schürenplatz in Südlengern, weil wir heute eben aufgeklärt über solche Dinge denken. Ganz bestimmt aber macht es Spaß, die Spukgeschichte vom Rüterfriedhof am Reesberg nachzulesen. Und es war schon heftig, dass ein Storch um ein Haar die Cessna Heinrich Rosenbergs zum Absturz gebracht hätte, als der ein Feuerwehrfest auf dem Reesberg um eine Kunstflugvorführung bereichern wollte.

Zwei kleine Episoden möchte ich kurz erzählen.

Ein Stammgast bei Buddenberg, „Männe“ genannt, war als geizig verschrien und deshalb manchem derben Jux ausgesetzt. Einmal redeten sie ihm wegen einer „todsicheren“ Wette zu, die darin bestand, dass „Männe“ zwei rohe Eier unter seiner Mütze – die er (fast) nie absetzte – verstecken, dann einem später kommenden Stammgast erklären sollte, irgendwo in der Gaststube seien zwei Eier versteckt, die der neu Angekommene bestimmt nicht finden werde. Natürlich war der Angesprochene bestens informiert. Er suchte und suchte und schien ganz verzweifelt. Schließlich blieb er vor „Männe“ stehen und erklärte: „Ick kann dä Eiger nich fuinen, diu häss mui anschuiden!“ Dabei haute er „Männe“ ganz beiläufig auf die Mütze …

Im Friseursalon Schürmeier schneite eines Tages Opa Lohmann herein und stand wie vom Donner gerührt. „Nei, wat häff sik dat huier verännert!“ brachte er heraus. Natürlich widersprach Friseur Schürmeier. Hier hatte sich in letzter Zeit beim besten Willen nichts verändert! Opa Lohmann kniff die Augenbrauen zusammen und sah sich prüfend um. „Nei, wat häff sik dat huier verännert!“ wiederholte er. Schön, er war nicht mehr der Jüngste und vielleicht ein bisschen tüddelig. Doch so konnte er sich doch nicht irren! „Ach was, Opa Lohmann“, sagte Friseur Schürmeier, „hier ist alles so geblieben, wie es war!“ Der Alte runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Leiwe Tuid“, stellte er fest, „wenn sik huier nix verännert häff, dänn schüdde mui man erst einen Lüttken in, oawer ik briuke woll nen Dubbelten!“ Des Rätsels Lösung war einfach. Opa Lohmann bei Oma Buddenberg einen „Lüttken“ nehmen wollen und war in seiner Tüddelei im Nachbarhaus gelandet. Klar, dass es in ihm arbeitete, was die gepolsterten Frisierstühle vor der Theke bedeuten mochten …

Vielleicht war für Opa Lohmann die Gastwirtschaft Buddenberg Mittelpunkt der Welt. Ein gutes Stichwort, denn nachdem ich ziemlich vom Thema abgekommen bin, sollte ich endlich auf das von mir entdeckte Südlengern-Phänomen eingehen.

Also. Wir sprachen über Achsen oder Linien, die Orte miteinander verbinden. Das ist nicht ungewöhnlich. Phänomenal ist einfach, dass sich Südlengern jedes Mal auf einer dieser Linien befindet. Würden wir also zwischen jeweils zwei Orten unsichtbare Fäden spannen – wählen wir zum Beispiel Paderborn und Oppenwehe, Hameln und Münster, liegt Südlengern im Fadenkreuz. Das könnte ja noch Zufall sein, doch je mehr Fäden wir spannen, um so mehr verdichtet sich das Netz und der Knotenpunkt in der Mitte heißt Südlengern.

Auch ein Mittelpunkt ist relativ zu sehen, Perspektiven verändern sich je nach persönlicher Sicht der Dinge. So habe ich mir Mühe gegeben, meinen Standpunkt gründlich abzuklopfen und jede Voreingenommenheit auszuschließen. Eine solche Voreingenom­menheit könnte darin begründet sein, dass ich dem in germanischer, altsächsischer und preußischer Tradition verwurzelten Stamm der Südlengeraner angehöre. Oder darin, dass sich in mir so etwas wie „Heimatgefühl“ entwickelt haben könnte. Den Begriff „Heimat“ ins Spiel zu bringen, ist heute immer noch problembehaftet. Mancher sieht ihn „belastet“ und vermeidet es, ihn auszusprechen. Andere sehen ihn romantisch verklärt, manche durchaus noch im Sinne demagogischer Verfälschung früherer Jahre. Wie ich mit dem Begriff Heimat umgehe? Ich müsste es nicht „Heimat“ nennen – warum aber nicht, jedenfalls fühle ich etwas in meinem Kopf – ach, sage ich ruhig: in meinem Herzen, das mich in unverwechselbarer Weise mit Südlengern verbindet. Dabei bleibe ich nicht an Südlengern „kleben“. Ich will in regionalen, nationalen und globalen Zusammenhängen denken. Das ist mir wichtig, weil nur so Offenheit, Verständnis und Toleranz möglich sind. Ob es mir immer gelingt, ist die andere Frage.

So ist Südlengern ganz unbestritten „mein“ Mittelpunkt der Welt, aber auch mein „Tor“ zur Welt. Und nachdem ich das nun hoffentlich klargestellt habe, will ich endlich den Beweis antreten, dass Südlengern auch objektiv – für jeden nachvollziehbar – Mittelpunkt der Welt ist. Denn nachdem ich schon in meiner Einleitung erste Fadenkreuze gespannt habe, lade ich jedermann ein, einmal die Verbindung zwischen Glasgow und Istanbul herzustellen, zwischen Nizza und Oslo oder zwischen Reykjavik und Athen. Sie werden sich wundern!

Aber jetzt geht es erst richtig los: Spannen Sie mal einen Faden zwischen San Francisco und Addis Abeba sowie Hammerfest in Norwegen und Lagos in Nigeria. Natürlich. Südlengern liegt mittendrin! Das könnte ja noch Zufall sein. Doch die Linien zwischen New York und Kuwait sowie Valparaiso und Leningrad sprechen eindeutig dagegen. Und wenn Sie dann noch Rio de Janeiro und Nagasaki, Havanna und Bombay miteinander verbinden, werden Sie sprachlos sein. Schlicht und ergreifend sprachlos. Und bestimmt gehen Sie dann selbst auf Entdeckungsreise!

(vorgetragen als Beitrag zum Festakt zur 850-Jahrfeier Südlengerns am 23. Mai 2001 im Festzelt an der Grundschule Südlengern-Dorf)

Der Doberg … ein Meerwasseraquarium in Stein

von Dr. Eberhard Pannkoke

Der Doberg im Südosten von Bünde, im Grenzbereich der Stadtteile Südlegern und Bustedt, ist ganze 105 m hoch und nicht einmal der Form nach ein Berg. Nur der Südhang hebt sich etwa 40 m aus der Talniederung des Brandbaches mit einer Steilstufe heraus, die der Abbau von Sand für die Trasse der unmittelbar vorbeiführenden Autobahn hinterließ. Der Anstieg von Norden ist dagegen sanft, so dass der Berg eher einem Pult gleicht.

Das Terrain des Doberg etwas gleicht einem Schweizer Käse; die Löcher entsprechen heute stillgelegten Mergelgruben. Der Spaziergänger geht „in den Doberg! Nur Kinder klettern „auf“ die dem jahrhundertealten Mergelabbau entgangenen  Plateaus, Grate und Pässe.


Seekuh

Und doch ist der Doberg etwas Besonderes. Seine Fossilien – versteinerte Reste vergangenen Lebens – sind es, die ihn berühmt gemacht haben! 1829 bedankte sich der sächsisch- weimarische Kammerrat August von Goethe bei Dr. Nicolaus Meyer in Minden für ein Paket und schrieb: „Die herrlichen Versteinerungen vom Doberg sind schon einrangirt und bilden eine wahre Zierde meiner Sammlung.“ 1841 erwarb der bedeutende Paläontologe Georg August Goldfuß die 728 Fossilien umfassende Doberg-Sammlung des Bünder Arztes Dr. Schmidtmann für die Universität Bonn. Goldfuß wurde belobigt – Schmidtmann der für ihn beantragte Titel eines Medizinalrates verwehrt.

1905 schenkte der Schüler Paul Müller seine Doberg-Sammlung dem Gymnasium in Bünde. Der „wissenschaftliche Lehrer“ und spätere Studienprofessor Friedrich Langewiesche nahm das Geschenk dankend an und begann nun seinerseits, Fossilien zu suchen. Wenn der Mergelabbau am Wochenende ruhte zogen Lehrer und Schüler in den Doberg. Die Bürger schüttelten ob des Eifers den Kopf. Einmal meinte ein alter Bauer: „Anner Lüe spölt sick an Soterdagnomdag de Magen ut, un Sei lopt met Öre Jungens inne Welt herümme- andere Leute spülen sich am Samstagnachmittag den Magen aus, und Sie laufen mit ihren Jungen in der Welt herum.“

Seekuh

Doberg-Fossilien gelangten in alle größeren Naturmuseen und geologischen Institute der Welt – nach Berlin., Frankfurt, Göttingen und Osnabrück ebenso wie nach London, Paris und Kopenhagen.

Der Doberg ist ein Stück einstigen Meeresbodens, wie seine Fossilien beweisen. Die heute mehr oder weniger verfestigte ovale Gesteinsplatte ist 1500 x 650 m groß und 140 m dick. Sie ist infolge wechselnden Gesteins geschichtet. Außerdem wurde dieses Schichtpaket nach seiner Verfestigung verbogen; die Schenkel der resultierenden Mulde fallen mit Winkeln von 25-30 Grad nach N bzw. S ein. Das Alter der Gesteine ist respektabel: unten sind sie 37, oben 24 Millionen Jahre alt. Die Physik hat gleich alte Gesteinsfolgen anderswo auf radiometrischem Wege datiert. Oligozän heißt der erdgeschichtliche Zeitabschnitt mit dem Alter des Dobergs. Dessen Gesteine und Fossilien sind somit Dokumente des Oligozäns. Diese belegen aber nicht nur einen Teil dieser Zeit, sondern das Oligozän als Ganzes vom Anfang bis zum Ende. Das gibt es im nördlichen Europa kein zweites Mal, und so nimmt es nicht wunder, dass der Doberg zu den klassischen Stätten der Geologie gehört. Immer wieder war er Exkursionsziel internationaler Kongresse.

Das Oligozän lässt sich in 3 Abschnitte unterteilen: Das Oberoligozän steht im Kern des Dobergs an. Die 70 m mächtige Gesteinsserie bildet insgesamt 53 mehr oder weniger feste Mergelschichten und Muschelbänke, die „Doberg-Schichten“. Dem Mitteloligozän entsprechen die „Piepenhagen-Schichten“, 23 m Sande und 8 m Tone in der Flur Pipenhagen und am Südost-Hang des Dobergs. Das Unteroligozän wird von den 39 m Sanden der „Brandhorst-Schichten“ gebildet. Sie sind am Südhang des Dobergs in der Flur Pipenhagen aufgeschlossen, treten aber auch im Norden an der Dillenbreede und in der Flur Brandhorst jenseits des Brandbaches zutage, wo kalkreiche Partien früher in kleinen Gruben gewonnen wurden. – Im Zusammenhang sind diese 3 Oligozän-Abschnitte einzigartig nur am Doberg zugänglich erhalten geblieben. 1971 wurde der Doberg zur neuen „ersten Adresse“ des Oberoligozäns; „die Doberg-Schichten“ typisieren seitdem als „Neostratotypus“ den Zeitabschnitt.

Eisenbahn beendete große Not

Kirchlengerns Bahnhof erstrahlt seit einem Jahr in neuem Glanz /Abwechslungsreiche Geschichte

Bericht der NW Bünde am 3.4.08 von Karl-Henrik Tittel (Fotos: Patrick Menzel)

Seit gut einem Jahr erstrahlt das Kirchlengeraner Bahnhofsensemble nun im neuen Glanz. Am 1. April 2007 wurde das modern gestaltete Umfeld mit einem großen Familienevent eröffnet. „Wir haben ein Juwel mitten im Ortskern liegen, was nun mit neuen Inhalten gefüllt wurde“, beschrieb damals Bürgermeister Rüdiger Meier das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude, das 1870 errichtet wurde.


Bahnhof Kirchlengern

In Kirchlengern begann die Eisenbahngeschichte als Staatsbahnstelle mit einem kleinen Schalterhäuschen in 1855, dem Jahr der Inbetriebnahme der durch Kirchlengern verlaufenden Bahnstrecke Löhne – Osnabrück. Also 20 Jahre nachdem die erste deutsche Eisenbahnstrecke zwischen Nürnberg und Fürth eröffnet wurde.

Der Bau der Strecke war für die Heuerlinge und Kötter der Lengeraner Bauernschaft ein Glücksfall und bedeutete gleichzeitig eine neue wirtschaftliche Perspektive. Denn durch den Niedergang der Flachsverarbeitung per Handarbeit im Zuge der Industrialisierung war große Not die Folge. Die Erd- und Gleisverlegungsarbeiten bedeuteten für viele Menschen Beschäftigung und – wenn auch kargen – Lohn. Ebenso wie beim Bau der „Chaussee“ von Herford über Lengern nach Lübbecke (B 239) zwischen 1847 und 1850.

Gleichzeitig läutete die Streckenanbindung eine strukturelle Zäsur in dem zu dieser Zeit dem Amt Gohfeld-Menninghüffen zugehörigen Gebiet ein, war doch infolgedessen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein starker Zuzug von außerhalb zu beobachten.

1870 erfolgten die Erstellung eines Stationsgebäudes und die Ernennung in den Rang eines Bahnhofes. Ein Anbau für die Güterabfertigung folgte. 1855 machten in Kirchlengern lediglich zwei Güterzüge Station. Erst drei Jahre später hielten zwei Personenzüge, zu denen sich 1873 ein dritter gesellte. Seine größte Frequentierung erlebte der Bahnhof zwischen den Weltkriegen und danach, als viel Pendler aus Kirchlengern mit dem Zug zu ihren außerhalb gelegen Arbeitsstellen fuhren. Zeitzeugen nach sei der Bahnsteig bereits morgens um sechs Uhr „schwarz von Menschen“ gewesen. Weltweit bekannt wurde der Kirchlengeraner Bahnhof durch eine große Zugtragödie 1891, als der den Zirkus „Carré“ befördernde Sonderzug entgleiste. Zahlreiche Tote und Verletzte und der Verlust vieler Tiere waren zu beklagen. Zudem entstand erheblicher Sachschaden.

Bahnhofsgebäude nach dem Brand

Ein zündelnder Junge setzte im Mai 2006 den Dachstuhl des Bahnhofsgebäudes in Brand

Die zunehmende Verlagerung des Personen- und Güterverkehrs auf die Straße sollte später den Verkauf des Gebäudekomplexes zur Folge haben. Heute befinden sich im ehemaligen Dienst- und Zugabteilungsgebäude Wohnungen und das Bistro „Alter Bahnhof“ und in der ehemaligen Güterabfertigung das Briefmarken-Auktionshaus Pumpenmeier. Reisende und Pendler nutzen die Verbindungen in Richtung Herford, Bünde und Löhne.

Da im Laufe der Jahre der Durchgangsverkehr stark zunahm, was Autofahrer oft zum längeren Verweilen vor der geschlossenen Bahnschranke zwang, wurde eine Ortsumgehung gebaut, die am 29 November 1999 freigegeben wurde.

(Neue Westfälische Bünder Tageblatt, Donnerstag 3. April 2008)

Eine Bauernhochzeit anno 1875 in Südlengern

von Hans Depke

Wenn sich zwei einig geworden waren, entweder durch persönliche Bekanntschaft oder durch befreundete Vermittler, wurde die Verlobung gefeiert. Dazu wurde unter Zeugen ein mündlicher Ehevertrag geschlossen. Hierbei erörterte man die einschlägigen Verhältnisse. Der Vater des Bräutigams gibt die Größe seines Hofes und seine Schulden, der Brautvater das Vermögen seiner Tochter an.

Als Hochzeitsgeschenk wurden gewöhnlich noch ein Pferd, eine Kuh oder ein Schwein, ein Fuder Roggen, einige Seiten Speck und dergleichen ausbedungen.

Die beiderseitigen Mütter nahmen an den Beratungen nicht teil, sie hatten dafür zu sorgen, dass zum Abschluss ein starker Kaffee und eine gehörige Portion Pfannkuchen als Imbiss zur Verfügung standen.

Die Verlobung wurde auf seltsame Weise bekannt gemacht: Bei Erwachen am anderen Morgen sehen die Dorfbewohner die ganze Straße entlang Häcksel gestreut und erfahren bald die Namen der Verlobten.

Am Hochzeitsmorgen wird der Brautwagen, ein langer Leiterwagen, hergerichtet. Den letzten Teil des Wagens nimmt das Brautbett ein, das von der Mutter der Braut ausgiebig mit selbstgesammelten Federn gestopft ist.

Vorn auf dem Wagen sitzt die Mutter und die älteste Tante der Braut. Jede hält ein neues, mit schönen Sprüchen verziertes Spinnrad, das sie der Braut als Sinnbild des häuslichen Fleißes übergeben. Empfangen werden nunmehr Abgesandte des Bräutigams, die in Versform verkünden, dass im Hochzeitshause alles bereit ist und man der Ankunft des Brautwagens mit Freuden entgegensieht.

Hier angekommen wird, nach Erledigung zahlreicher Förmlichkeiten, mit dem Abladen des Brautwagens begonnen.

Es folgte die Hochzeitsfeier, bei der im vergangenen Jahrhundert Musik und Tanz verpönt waren. Wohl aber bildete sich im Verlauf des Tages ein Kreis von Sängerinnen und Sängern, die mit geistlichen Volksliedern die Bedeutung des Tages feierten.

(aus: Chronik Südlengern, Verlag Drei Mühlen 2001)

Wie das Licht ins Elsetal kam

Die sinnvolle Ausnutzung natürlicher Ressourcen

von Ernst-Heinrich Schürmann

Die traditionsreiche Geschichte der Wassermühlen zeigt, dass das vertikal laufende Wasserrad über Jahrhunderte hinweg die dominierende Antriebsform für Wasserkraftanlagen darstellte. Man nutzte ohne Umweltbelastung die regenerierbaren Kräfte der Natur.


Brausemühle

Die dabei eingesetzten Wasserräder unterschied man je nach Aufschlaghöhe in unter-, mittel- oder oberschlächtige Räder.

Das unterschlächtige Rad lief nur in Fließgeschwindigkeit des Gewässers. Das oberschlächtige Rad nutzte zusätzlich das Gewicht des Wassers und erreichte so einen deutlich höheren Wirkungsgrad; der Wasserstrom wurde über eine Fließrinne reguliert und den Schaufeln zugeführt.

In früherer Zeit bestanden die Wasserräder aus Hartholz, später steigerten speziell gekrümmte Eisenschaufeln, den Wirkungsgrad, da sie größere Wassermengen fassen konnten.

Der Wellbaum, auf dem das Wasserrad aufgekeilt war, übertrug die Kräfte in das Innere der Mühle und leitete sie über unterschiedlich geformte Zahnräder an die einzelnen Maschinen und Hammerwerke.

Eine Weiterentwicklung dieser Technik stellten Wasserturbinen dar, die im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts die wuchtigen Räder ablösten. Ihrer Funktion beruhte auf dem Prinzip des horizontalen Wasserrads mit freiem Wasserstrahl, wobei ein Gefälle von ein bis sechs Metern genutzt werden konnte.

Am bekanntesten waren die Francis- und Durchströmturbinen, die den Wirkungsgrad der Wasserräder weit übertrafen, dazu wartungsärmer und langlebiger waren.

Die Elektrizität als zukunftsweisende Energiequelle

Nachdem in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bedeutende Erfindungen gelangen, stellte sich heraus, dass die Zukunft in der Erzeugung und Verteilung von elektrischem Strom mittels Kraftmaschinen oder Elektrizitätswerken liegt.

Dabei wird Primärenergie in Form von festen (Kohle) oder flüssigen Brennstoffen (Öl) verfeuert, um Wasserdampf zum Antrieb nachgeschalteter Turbinen zu erzeugen, die wiederum in dahinter gelagerten Generatoren Elektrizität produziert. Über eine ausgetüftelte Leitungstechnik kann der Strom über Kupferdrähte an weit entfernt liegende Verbrauchsstätten transportiert werden.

Hierzu waren die richtungweisenden Ingenieurleistungen eines Werner von Siemens notwendig; der Universalerfinder Thomas Alva Edison hatte wesentlichen Anteil, und auch das tatkräftige Handeln eines Emil Rathenaus bahnte den Weg ins industrielle Zeitalter.

Anfangs gelangen bedeutende Erfindungen

Werner von Siemens wurde 1816 auf einem Gut nahe Hannover geboren. Nach seiner Schulausbildung trat er ins preußische Ingenieurskorps ein und wurde vorübergehend Artillerieoffizier. Nebenbei erlangte er seine ersten Patente, indem ihm das Versilbern/Vergolden von Metallen auf galvanischem Wege gelang. Danach wandte er sich zusammen mit dem Präzisionsmechaniker J. Georg Halske der Telegrafie zu. Beide gründeten 1847 in Berlin eine Telegrafenbauanstalt, die Keimzelle für drei große Industriewerke: die Siemens & Halske AG für Schwachstromanlagen, die Siemens-Schuckert-Werke für Starkstromtechnik und die Siemens-Reiniger-Werke für elektro-medizinische Geräte. Um 1900 entstand um die Siemenswerke herum der Berliner Stadtteil Siemensstadt. 1892 starb Werner von Siemens als einer der genialsten Elektroingenieure. Seine größte Erfindung war zweifellos der Dynamo als Voraussetzung für die späteren Elektromotoren.

Thomas Alva Edison wurde 1847 geboren. Ihm wird nachgesagt, dass er bereits mit 13 Jahren als Zeitungsverkäufer auf Bahnsteigen und in Eisenbahnzügen Geld verdienen musste. Mit 16 Jahren kam er mit der Telegrafie in Verbindung und entwickelte derartig viele Verbesserungen, dass er bereits um 1870 als wohlhabender Mann galt. 6 Jahre später erfand er das heutige Mikrofon, 2 Jahre später folgte die erste Sprechmaschine. 1879 gelang Edison die Konstruktion einer brauchbaren elektrischen Glühbirne, womit der elektrische Strom sichtbar gemacht werden konnte. 1882 errichtete Edison sein erstes Elektrizitätswerk, nachdem ihm zuvor eine Kopplung zwischen Dampfmaschine und Dynamo gelungen war. Edison starb 1931 und hinterließ ein Lebenswerk von mehr als tausend angemeldeten Patenten.

1883 erwarb Emil Rathenau die Edisonschen Patente für Deutschland. Als Pionier der Elektrizität führte er mit seinem Partner Oskar von Miller am 13. September 1884 im Berliner Café Bauer erstmals eine dampfbetriebene Blockstation zur Erzeugung elektrischen Stroms vor und brachte vor den geladenen Gästen 450 Glühbirnen zum Leuchten. Erstes Interesse an der neuen Energiequelle war geweckt. Rathenau gründete noch im gleichen Jahr das erste öffentliche Elektrizitätsversorgungsunternehmen (Allgemeine Elektrizitäts Gesellschaft AEG).

Der allgemeine Durchbruch der Elektrizität gelang 1889 auf der Pariser Weltausstellung mit dem stählernen Eiffelturm als Wahrzeichen der Messe. Die Ausstellung war geprägt von stromerzeugenden Dynamos, die – von Dampfmaschinen betrieben – in einer Art Energieverbund strahlende Beleuchtung lieferten. Auf einem Sockel thronte das 12 Meter hohe, riesenhaft vergrößerte Modell einer Glühfadenlampe. Vom Eiffelturm strahlten des Nachts starke Lichtquellen.

Edison, der mit seinen Leuten auf einer Fläche von einem halben Hektar alle Modelle und Demonstrationsobjekte seiner bedeutendsten Erfindungen präsentierte, wurde als „Vater des elektrischen Lichts“ gefeiert.

Wie das Licht ins Elsetal kam

Im heimischen Minden-Ravensberger Raum befassten sich zuerst nur Einzelgänger mit der Stromerzeugung. Dabei handelte es sich um kleine Stadtwerke oder um Gewerbetreibende, die in erster Linie Strom für den eigenen Betrieb produzierten und weitere ortsansässige Interessenten versorgten.

Im Stadtgebiet Herford gab es ein kleines Wasserkraftwerk der Stadt Herford sowie eine Stromversorgung der Firma Bockelmann und Kuhlo. Die Stadt Minden betrieb ein kleines Elektrizitätswerk. Das privat betriebene Elektrizitätswerk Porta versorgte die Gemeinden Hausberge, Barkhausen, Lerbeck und Neesen. Die Mühle Lehra unterhielt eine dörfliche Stromversorgung der Gemeinde Nammen im Kreis Minden. In der Gemeinde Spenge betrieb das Sägewerk Oldemeier eine örtliche Stromversorgung. In Süd- und Kirchlengern betrieb die Brausemühle eine regionale Stromversorgung.

 Müllermeister Heinrich Schürmann

Der dort tätige junge Müllermeister Heinrich Schürmann war von Kindesbeinen an mit der für die Mühlerei wichtigen Wasserenergie vertraut. Geboren wurde er 1872 in der Nienburger Mühle in Bünde-Hunnebrock. Frühzeitig entschied er sich für den Beruf seiner Vorväter und ging abschließend zur Mühlereifachschule nach Leipzig, um seine Meisterprüfung abzulegen.

Dort wurden weitreichende Kenntnisse zum Beispiel über die Wasserkraft, die Höhe des Wirkungsgrades bei unterschiedlichen Durchmessern von Wasserrädern, die Ausnutzung des Gewässergefälles oder die Kraftübertragung des Wellbaumes durch unterschiedliche Zahnräder vermittelt. Außerdem lernte man viel über die Gewinnung von Elektrizität, jener neuen, zukunftweisenden Energieform. Insbesondere wurde an der Mühlereifachschule grundlegendes Wissen über das Funktionieren des Dynamos und über den Betrieb von Wasserturbinen weitergegeben.

Nach seinem Schulabschluss heiratete Schürmann 1898 in die Brausemühle ein. Gern überließ ihm sein Schwiegervater die Leitung der Mühle, weil er nun die Fortführung des Mühlenbetriebes gesichert wusste. Da die Brausemühle über eine ausreichende Wasserkraft verfügte, begann Schürmann bald mit den für die Erzeugung elektrischer Energie notwendigen Vorbereitungen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts brannten in den Häusern des Elsetales noch Petroleumlampen. Das tägliche Leben richtete sich maßgeblich nach der Tageslänge. Im Frühjahr und Sommer konzentrierte man sich auf die Feldarbeit, während im Herbst und besonders im Winter die Hausarbeit überwog. Den Abend beschloss man bei spärlicher Beleuchtung im Schein einer Kerze bzw. Öllampe.

Brausemühle

Die erst vor geraumer Zeit gemachten Erfindungen zur Nutzung elektrischer Energie hatten in die Dörfer des Ravensberger Landes noch keinen Einzug gehalten. Die Bewohner waren für ihre Sparsamkeit bekannt und hielten die Helligkeit des elektrischen Lichtes und die damit entweichende Wärme für kostspielige Verschwendung. Im übrigen kannte man diese Neuerung weitgehend nur vom Hörensagen.

Im Jahre 1902 wurde hinter den Turbinen der Brausemühle der erste Dynamo installiert. Am Anfang erprobte Heinrich Schürmann die neue Lichtquelle im eigenen Betrieb und Wohnhaus. Dann erst lud er zu einer öffentlichen Vorführung der Kohlefadenlampe in der Bahnhofsgaststätte Rabe ein. Die Mehrzahl der Südlengeraner blieb abwartend. Die Sache ist ganz gut und schön, sagte man sich, aber sie kommt zu teuer. „Dä Hidde goit medden Räok up!“

Es musste große Überzeugungsarbeit geleistet werden, um das Misstrauen der Dorfbewohner zu zerstreuen. Einige Fabrikanten, Kaufleute und Landwirte erkannten allerdings auf Anhieb die Vorteile dieser praktischen neuen Licht- und Kraftquelle.

Die ersten Drähte wurden von der Brausemühle aus zur Zigarrenfabrik Heinecke in Kirchlengern gezogen. Ein zweiter Leitungsstrang führte zur Bäckerei Wöhrmann und, auf Betreiben des Hauptlehrers Kirchhoff, weiter zur Schule Südlengern-Dorf. Außerdem schlossen sich die Landwirte Kollmeier, Ostermeier, Busse, Schwagmeier, Marmelstein, Rosenkötter, Fischer und Dresholtkamp an. Der Ausbau des Leitungsnetzes und das Aufstellen der Leitungsmasten führte vor allem in der Anfangsphase oft zu Streitigkeiten, die zum Teil gerichtlich entschieden werden mussten.

Mit der Zeit gaben viele Südlengeraner ihre abwartende Haltung auf. Die ersten Motoren wurden in Betrieb genommen, und auch sonst nahm der Bedarf an elektrischer Energie beständig zu. In trockenen Sommermonaten führte die Else nicht genügend Wasser, so dass man 1909 gezwungen war, eine Lokomobile mit einzuspannen. Das elektrisch betriebene Dreschen musste während der Dunkelheit untersagt werden.

Im gleichen Jahr wurde 600 Meter unterhalb der Brausemühle am Kirchlengerner Elseufer mit dem Bau des Elektrizitätswerkes Minden-Ravensberg begonnen. Als dort ein weiterer Elsestau errichtet werden sollte, setzte sich der Brausemüller gerichtlich zur Wehr.

Die durch die Wasserfrage zwischen beiden Parteien aufgeworfenen Differenzen konnten erst nach langen Jahren rechtlicher Auseinandersetzungen mit einem Vergleich beigelegt werden. Bis dahin war ein weiter Weg, und der Brausemüller hatte mit vielerlei Schwierigkeiten zu kämpfen. Im Jahr 1927 wurde ihm zum Beispiel von der Kreisverwaltung verboten, mit seinen Leitungen die Kreisstraße zu kreuzen.

Bis 1963 wurden große Teile Süd- und Kirchlengerns durch das Leitungsnetz der Brausemühle elektrisch versorgt. Danach erwarb das EMR das Leitungsnetz mit allen Versorgungseinrichtungen. Das EMR übernahm auch das Wasserrecht sowie die Aufsichts- und Unterhaltungspflicht für das Mühlenwehr.

Minden-Ravensberg braucht eine überregionale Stromversorgung

Im Jahre 1907 entstanden beim Landrat Franz von Borries erste Überlegungen zum Bau einer stromerzeugenden Überlandzentrale. Er war ebenso wie der Mindener Landrat Cornelsen überzeugt, dass die Elektrizität die wichtigste Energiequelle der Zukunft sein würde. Um die wirtschaftliche Entwicklung in Minden-Ravensberg abzusichern, sollte ein bedeutendes Elektrizitätsversorgungsunternehmen aufgebaut werden, das in der Lage war, diese Produktionsaufgabe zu übernehmen.

In bevölkerungsreichen Ballungsräumen hatte man die Notwendigkeit solcher Maßnahmen längst erkannt, während die heimische, eher ländlich strukturierte Bevölkerung die elektrische Versorgung noch immer als überflüssigen Luxus ansah.

Franz von Borries verband das Gelingen des Projektes mit seiner Position als Landrat. Er vertrat die Ansicht, dass kleine, privat betriebene Kraftwerke nicht in der Lage seien, den Minden-Ravensberger Raum flächendeckend mit Leitungsnetzen zu erschließen und kontinuierlich mit elektrischem Strom zu versorgen. Waren die lukrativen „Rosinen“ erst aus dem Kuchen herausgepickt, wäre für den Rest eine Unterversorgung bald abzusehen.

Oberingenieur Willy Hoffmann von der AEG in Berlin, übernahm die ersten Ausführungsplanungen und kam schnell zu der Ansicht, dass der Landstrich Herford-Minden dringend eine Überlandzentrale benötigte.

Die Stadt Herford verfügte seit 1902 über ein mittlerweile zu klein gewordenes Kraftwerk an der Bowerre. Ähnliche Probleme hatte die Stadt Minden mit ihrer städtischen Stromerzeugung an der Hermannstraße. Die königliche Eisenbahnverwaltung signalisierte für ihre Regionalbahnhöfe Löhne, Herford und Bünde stetigen Strombedarf. Die Provinz Westfalen zeigte großes Interesse und konnte als namhafter Geldgeber gewonnen werden. Zusammen mit den Kreisen Herford und Minden stellten sie das Kapital für den Bau des Kraftwerkes Kirchlengern und waren somit Hauptbeteiligte. Die anderen kleineren kommunalen Gesellschafter finanzierten mit ihren Stammeinlagen jeweils den Wert der elektrischen Anlagen und Einrichtungen, die auf dem Gebiet der eigenen Gemeinde herzustellen waren.

Am 4. März 1909 wurde die „Elektrizitätswerk Minden-Ravensberg GmbH“ mit einem Stammkapital von 1,5 Millionen Mark gegründet. Zweck des Gemeinschaftsunternehmens war die Erzeugung und Verwertung elektrischer Energie und Lieferung des Stromes ohne jeden Zwischenhandel bis zur letzten Verbrauchsstelle. Da ausschließlich kommunale Beteiligungen bestanden, waren alle straßen- und wegebesitzenden Gemeinden involviert, die als öffentlich-rechtlicher Zweckverband gemeinnützig, allerdings mit eindeutigem Bekenntnis zur kaufmännischen Geschäftsführung auftraten.

Für das Bauvorhaben wurde unter drei möglichen wassernahen Standorten schnell ein hochwasserfreies Gelände in Kirchlengern an der unteren Else gewählt. Nach nur 10monatiger Bauzeit konnte bereits der erste Strom nach Herford und Bad Oeynhausen geliefert werden.

Erster Direktor des EMR wurde der mit Planung und Ausführung betraute Oberingenieur Willy Hoffmann. Landrat Franz von Borries übernahm den Vorsitz des kommunalen Aufsichtsrates. Nach Errichtung der Produktionsstätte in Kirchlengern wurde in den Jahren 1910 bis 1912 in Herford eine erste kaufmännische Verwaltung geschaffen. Die anfängliche Leistung bestand aus zwei Dampfturbinen mit 700 bzw. 1000 Kilowatt.

Zum Betrieb des Kraftwerkes verfeuerte man ausschließlich Magerfeinkohle aus der Zeche Ibbenbüren. Vom naheliegenden Bahnhof Kirchlengern wurde ein kurzer Gleisanschluss verlegt, auf dem ab 1928 eine werkseigene Lok den Kohlewaggonverkehr übernahm. Die Kühlwasserversorgung der Heizkesselanlage wurde aus der Else gespeist.

Die oberhalb der Else auf Sicht liegende Brausemühle besaß ein altes verbrieftes Stau- und Wassernutzungsrecht. Das Elsewasser durfte auf der gesamten Breite des Flusses zum Betrieb der Mühle genutzt und musste dem Fluss danach wieder zugeführt werden; dabei war das Fischleben allerdings nicht zu gefährden.

1914 beauftragte das EMR die Errichtung eines Elsestaues, um genügend Kühlwasser zu bevorraten. Eine zweite Erhöhung des Staurechtes wurde 1926 beantragt.

Der Brausemüller erhob jedes Mal Einspruch, da das Gewässergefälle seines Mühlenstaues zu seinem Nachteil verringert wurde. Eine Einigung wurde am Ende erzielt, indem das EMR das als Kühlwasser entnommene Elsewasser 200 m oberhalb der Brausemühle als angewärmtes Wasser wieder in den Fluss einleiten musste und die Mühle das Wasser ein zweites Mal nutzen konnte. Über einen in der Bahnhofstraße liegenden Kanal wurde das erwärmte Kühlwasser jenseits der Lübbecker Straße am sogenannten „Warmen Wasser“ wieder zugeführt. Außerdem lieferte das EMR der Brausemühle im Bedarfsfalle Strom für deren Kunden.

In der Folgezeit stieg der Bedarf an elektrischer Energie in allen Bereichen sprunghaft an. Die einstmals auf Privatinitiative bin gegründeten Gleichstromerzeuger in Herford, Minden, Porta, Nammen und Spenge wurden mit ihren örtlichen Leitungsnetzen übernommen. Das EMR wuchs zu einem bedeutenden Arbeitgeber. In Herford wurde 1927 die neue Hauptverwaltung an der Bielefelder Straße bezogen. Für das eigentliche Kraftwerk Kirchlengern konnte man mit Fug und Recht behaupten, dass die Jahre 1920 bis 1935 durch permanente bauliche Erweiterungen und Kapazitätsaufstockungen gekennzeichnet waren. Neue Dampfkessel, Turbogeneratoren, Pumpenanlagen, ein zweiter Schornstein sowie eine neue Kohlentransportanlage mit Kübelkatze wurden installiert.

Die Bevölkerung von Süd- und Kirchlengern war während dieser Jahrzehnte stürmischen Wachstums erheblichen Emissionen von Rauch, Ruß, Flugasche und Lärm ausgesetzt. Die Abluft verließ die Schornsteine völlig ungereinigt, der Dampfüberdruck entwich laut zischend den Ventilen und wurde unregelmäßig abgeblasen. Der Flugaschestaub belästigte permanent die Bevölkerung. Die Hausfrauen hängten ihre Wäsche erst auf, wenn die Rauchfahne über den Schornsteinen des EMR darauf schließen ließ, dass der Wind die Schmutzpartikel in eine entgegengesetzte Richtung trieb.

Erst 1954 sorgte ein Elektrofilter für eine erträgliche Flugstaubreduzierung. Um diese Zeit beschäftigte das Kraftwerk Kirchlengern insgesamt 249 Mitarbeiter und war somit ein wichtiger Arbeitgeber für Süd- und Kirchlengern. Durch spätere Rationalisierungen nahmen die Mitarbeiter nach 1965 mit 243 Beschäftigten über 1970 mit 190 Beschäftigten auf 1975 mit 97 Beschäftigten stetig ab.

Das EMR hatte sich mit den Stadtwerken Bielefeld und dem Elektrizitätswerk Wesertal dazu entschlossen, das Gemeinschaftskraftwerk Veltheim an der Weser zu errichten und in Betrieb zu nehmen. Das Werk an der Else fungierte nach 1965 nur noch als Spitzenlastkraftwerk. Es wurde auf Gasbefeuerung umgestellt und sichert ab 1975 lediglich noch die im Störfall vom Kraftwerksverbund benötigten Reserven.

Diese Umwidmung vom laufenden Produktionsbetrieb zum allzeit bereitstehenden Notfallversorger setzte eine Anpassung der Tätigkeitsmerkmale voraus und stellte die vor Ort tätigen Kraftwerker vor neue Anforderungen.

Ausblick

Zu Beginn des neuen Jahrtausends ist der bundesdeutsche Energiesektor von großräumigen Erzeugerzusammenschlüssen gekennzeichnet, um europäischen Wettbewerbsanbietern Paroli bieten zu können. Das EMR ist mit den anderen Regionalversorgern Bielefeld und Paderborn in die Diskussion gekommen. Man sucht starke Schultern als strategische Partner, verliert aber möglicherweise den Anschluss, wenn es nicht gelingt, kommunalpolitische Parteigrenzen zu überspringen. *

(aus: Chronik Südlengern, Verlag Drei Mühlen 2001)

* Inzwischen ist auch die Geschichte des EMR eine Geschichte aus der Vergangenheit.

Südlengeraner gab es schon in der frühen Bronzezeit

Eine der ältesten Siedlungen in Ravensberg

Die Eiszeit, die unserer Heimat ihr heutiges Gesicht gab, führte ihr auch die ersten Menschen zu. Unsere Kenntnisse über das Leben dieser ersten Bewohner sind nur spärlich. Für lange Jahrtausende, bis etwa in die Zeiten um Christi Geburt, stehen uns allein Bodenaltertümer zur Verfügung, um uns ein Bild von ihrem Dasein zu machen.


Urne aus der Bronzezeit

Die zuerst in Westfalen aufgetauchten, wahrscheinlich zu den Neandertalern zählenden Bewohner der sauerländischen Höhlen, die offenbar von Südwesten her als reine Jäger nach Deutschland vordrangen und sich später auf demselben Wege wieder zurückzogen oder untergingen, haben unsere Gegend nicht erreicht. Die nächsten Bewohner, die einer stärkeren und geistig begabteren Rasse zugehörigen Cromagnon- und Aurignac-Leute, stehen den heutigen Bewohnern Europas viel näher und bilden den Grundstock der auch Norddeutschland bewohnenden Rassen. Sie drangen allmählich bis etwa 6000 v. Chr. zum Teutoburger Wald vor, wo große Mengen von Feuerstein-Werkzeugen bei Bielefeld und Stapelage gefunden worden sind. Die bezeichnende Beschränkung auf Hänge und Täler des Gebirges wird verständlich, wenn man das feuchtwarme „atlantische“ Klima der Nacheiszeit in Betracht zieht. Der Mensch zog die lockeren Sandböden an den sonnigen Berghängen den schwer zu bearbeitenden lehmigen Niederungen, für die er gar keine geeigneten Geräte hatte, vor.

In der jüngeren Steinzeit, etwa seit dem 4. Jahrtausend v. Chr., wies Mitteleuropa bereits eine überwiegend sesshafte bäuerliche Bevölkerung auf, die in kleinen Dörfern wohnte. Man kannte feste Holz- und Fachwerkbauten. Getreide in verschiedener Form, z. T. Hülsenfrüchte, wurden angebaut, auch Flachs geerntet und zur Bekleidung verarbeitet. Mehrere Haustiere – Rind, Schwein, Schaf und Ziege – waren vertreten. Der Boden wurde mit Haken-, z. T. auch schon Sohlenpflügen bearbeitet. Pfeile und Lanzenspitzen aus dieser Zeit wurden am Doberg gefunden.

Auch sonst begegnen uns in der Umgebung massive und durchbohrte Steinhämmer dieser Epoche, die, wenn nicht mit Sicherheit auf eine dauernde Besiedlung, so doch zumindest auf eine vorübergehende Anwesenheit des Steinzeitmenschen schließen lassen.

Bis 2000 v. Chr. war unsere Heimat noch so gut wie menschenleer, während die benachbarten Osnabrücker und Tecklenburger Gebiete eine Fülle von Siedlungsspuren aufweisen. So sind auch in unserer engeren Heimat keine der Riesensteingräber erhalten, was allein durch Siedlungsleere zu erklären ist.

1934 fand man in Südlengern-Dorf eine Friedhofsanlage aus der Bronzezeit

Aus der frühen Bronzezeit stammen die meisten bei uns gefundenen Urnengrabstätten, z. B. zwischen Bünde und Südlengern auf dem Bünder Esch unweit der Else, wo man 1808 25 Urnen aufdeckte, und bei Südlengern selbst. Die Urnen gehören überwiegend zu den weit verbreiteten doppelkonischen Formen der Bronzezeit mit eckigem oder abgerundetem Umbruch. Teilweise ist das Oberteil eingezogen, die Öffnung oft klein. Einzelne der Urnen waren mit kleinen Beigefäßen versehen, sogenannten Tränenkrüglein, die ähnlich den großen Urnen geformt waren. Interessant ist es, dass bei Südlengern unter den Urnen zwei Gefäße waren, die Andeutungen von Buckeln aufwiesen. Darin liegt offenbar eine Einwirkung der Lausitzer Kultur vor, die an ihren keramischen Gefäßen schon in der Steinzeit derartige Buckel entwickelt hatte. Sie stellt eine eindeutig germanisch-nordisch bestimmte Kultur dar. Die germanischen Urnenfriedhöfe bevorzugen deutlich die Flussniederungen.

vollständiges Bild der Urne

Noch 1934 wurde von Prof. Langewiesche auf dem Lande des Gärtners Breitenbürger Nr. 205 in Südlengern-Dorf eine größere Friedhofsanlage aus der Bronzezeit aufgedeckt. Zahlreiche Urnen und Feuerstellen traten zu Tage. Die Urnen standen etwa 80 Zentimeter unter der heutigen Oberfläche, zum Teil von Steinen umgeben, zum Teil auch auf einem Steinpflaster. In einer Urne fand sich eine Bronzefibel, deren Dorn schon aus Eisen war (Ringfibel). Eine Armbrustfibel war ganz aus Bronze. Auch eine Sigillata-Schüssel aus schwarz gewordenem roten Ton konnte gefunden werden. Die meisten der in unserer Gegend gefundenen Stücke dieser Importware stammen aus Rheinzabern.

Die auf dieser Seite abgebildeten Urnen befinden sich im Museum Bünde.

Der Wechsel der Siedlungsplätze, der gegenüber der vorhergehenden Zeit eingetreten war, findet seine Begründung wiederum in einem Klimawechsel. Statt des feuchtwarmen Wetters der Steinzeit herrschte jetzt ein „boreales“, trockenes Klima. Das waldige Hügelland blieb dagegen nun siedlungsarm.

Aus der folgenden Eiszeit, die sich unmerklich zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. anbahnte, sind uns, teils infolge der Vergänglichkeit des Materials, nur wenige Funde überliefert. Es unterliegt aber keinem Zweifel, dass wesentliche Veränderungen in der Besiedlung nicht stattgefunden haben. So ist für Südlengern eine ununterbrochene Besiedlung, zumindest seit der frühen Bronzezeit, mit Sicherheit anzunehmen. Das Dorf gehört damit zu den ältesten Siedlungen des Ravensberger Landes.

(aus Festschrift „800 Jahre Südlengern“, abgedruckt in Chronik Südlengern)

Ruhestätte mitten im Wald

Rüterfriedhof erinnert an bedeutende Südlengeraner Bauern- und Kaufmannsfamilie

Bericht der NW Bünde am 23.7.08 von Karl-Hendrik Tittel (Text und Fotos)

Aufmerksame Wanderer finden im Ravensberger Hügelland gelegentlich kleine Begräbnisstätten, die sich weit jeder Siedlung befinden. Auf der deutschen Grundkarte sind diese Stätten mit der Abkürzung „Erbbgr.“, also Erbbegräbnis verzeichnet. In Südlengern sind drei dieser Ruhestätten zu finden, das wohl bekannteste ist das Grab der Familie Rüter im Waldstück „Rüters Fichten“ am Reesberg.


Rütersfriedhof

Die Familie Rüter betrieb einst in Südlengern eine ausgedehnte Landwirtschaft mit Jagd und übte zudem im großen Umfang Handel mit Korn, Flachs, Garn und Leinwand aus. Auch ein Geschäft mit eigener Bäckerei, amtlichem Salzverkauf und Brandweinausschank gehörte dazu. Die Familiengeschichte spiegelt in anschaulicher Weise die wirtschaftliche Not der Menschen des 19. Jahrhunderts in dieser Region, die in erster Linie durch die Einführung der Spinn- und Webmaschinen verursacht wurde, wider.

1846 resultierte aus einer Missernte in Südlengern eine große Hungersnot, unter der Mensch und Vieh gleichermaßen zu leiden hatten. Der Familie Rüter war es gelungen, reichlich Getreide aufzukaufen, so dass der Backbetrieb bis zum Mai 1847 aufrechterhalten werden konnte.

Katze

Den Hungernden zuliebe verkauften sie das Brot zu bisherigen Preisen und die täglichen, langen Käuferschlangen bestanden nicht nur aus Einheimischen. Selbst als die Mehlvorräte schließlich zur Neige gingen und die Bäckerei geschlossen werden musste, ließ die Familie zweimal wöchentlich 60 Kinder aus Südlengern zum Rüterhaus an der Elsebrücke kommen, wo ihnen ein Mittagessen gegeben wurde. Da die wirtschaftliche Existenz auf Dauer nicht gesichert schien, siedelte die Familie Rüter 1885 nach Nordamerika über, auf eine Farm in Oregon.

Bereits der Vater des wohlhabenden Bauern und Kaufmanns Fritz Rüter (1797 – 1876) erwarb sich das Recht auf die Anlage eines Erbbegräbnisses. Im Gegensatz zu anderen Familiengräbern in der Region, beispielsweise bei Gut Böckel in Bieren, gehören der kleine Friedhof und die umgebende Waldfläche der Gemeinde Kirchlengern. Am 30. August 1913 legitimierte Adolf Rüter, inzwischen amerikanischer Staatsbürger, die Schenkung, mit der gleichzeitig ein acht Hektar großes Waldstück („Rüters Fichten“) verbunden war, mit einer Urkunde.

Auf der Gegenseite musste sich die damalige Gemeinde Südlengern verpflichten, das Grab in einem guten Zustand zu erhalten. Um den Friedhof herum sollte immer soviel Platz bleiben, dass „derselbe stets von einem Ring Tannen eingeschlossen bleiben kann.“ Nach dem Tod von Elisabeth Rüter am 3. Oktober 1963 wurde die letzte Beisetzung am Rüterschen Erbbegräbnis durchgeführt. Auf dem Gelände steht eine winzige Kapelle, in der der vormals auch ein Harmonium gestanden hat. Wie viele andere Erbbegräbnisse auch, stellt das Rütergrab mit seiner zumeist exotischen Bepflanzung einen Kontrast zu der umgebenden Waldlandschaft dar. Leider hat der Orkan Kyrill auch an dieser Stelle deutliche Spuren hinterlassen, mit starken Schäden an Umzäunung, Mauer und Bepflanzung.

Heimat- und Naturpfleger wie Klaus Nottmeyer-Linden, Leiter der Biologischen Station Ravensberg, hoffen, dass „sich die Gemeinde an ihre Verpflichtungen erinnert und für die Behebung der Schäden sorgt“.

(Neue Westfälische Bünder Tageblatt, Mittwoch 23. Juli 2008)